Wenn Du denkst Du fährst geradeaus …

Eigentlich wäre es eine geile Story gewesen- wenn es nicht drastisch lebensgefährlich gewesen wäre! Als ich mit dem Iveco 40.10 auf dem Weg nach Marokko über Süd Frankreich gefahren bin, hatte ich Kurs auf die wunderschöne Stadt Montpellier genommen. Ich bin durch die Cevennen nach Süden gefahren. Dort hatte ich einen wunderschönen Stellplatz in den Bergen gefunden:

Platz in den Cevennen

Ich stand mit dem Fahrzeug natürlich- sehr deutsch!- nicht auf der Flurfläche.


Ich hatte den Iveco ja nur wenige Wochen vor der Abreise nach Afrika gekauft. Ein Grund den strammen Preis zu akzeptieren war für mich die, zunächst, glaubhafte Aussage der LKW sei „zu 110% restauriert“. 🙂 Naja wenn der zu diesem Zeitpunkt 110% war, war er später irgendwo bei 150-200%. zB mit einem zuverlässigen Bremsflüssigkeits- Ausgleichsbehälter, der nicht gestrickt ist und die Suppe darin nicht grün, sondern gelb. Sei es drum.

Lenkung ist allerdings so eine Sache, da bekomme ich echt schlechte Laune! Stellt Euch vor ihr, wollt in eine Kurve fahren, ihr lenkt ein- JEDOCH FÄHRT DAS AUTO GERADEAUS! Das Gefühl ist in etwa mit Bungeespringen vergleichbar: Ein Wahnsinns Adrenalin Schub. Auf Schub stehe ich ja und ein bisschen Adrenalin ist auch ok – allerdings ist dieser Trip ohne Seil gewesen!

Das Ganze geschah zum Glück nicht in den Serpentinen der Cevennen ins Languedoc,

Serpentinen Cevennen

Serpentinen Cevennen

sondern hier:

Oldtown Montpellier

Oldtown Montpellier

Am Ende der Strasse (man beachte, wie schmal die Strasse ist, schön zu sehen am Twingo vor mir. Dazu rechts und links gemauerte Pöller!) ist eine Kreuzung, an der es rechts zur Markthalle, geradeaus auf den Place de la Comédie und links in Richtung Altstadt und Uni (nur ein Teil davon) geht. Bis zu diesem Zeitpunkt dachte: Ist es ist alles in Butter. Als ich nach links gelenkt hatte, weil ich einen U-Turn machen wollte, hörte ich ein übles, metallisch, krachendes Geräusch. Lenkung sehr schwer und ab einem Punkt lenkte es gar nicht mehr. Ich musste aber rum, bei weiterem drehen fühlte es sich nach einem heftigen mechanischen Widerstand an, der überwunden wurde. Wirklich nicht schön und unter normalen Umständen hätte ich erst geschaut, bevor solche Geräusche entstehen. Aber in dieser Situation, mitten auf der Kreuzung, mit einem Haufen Autos hinter mir, nicht. Das Geräusch kam, wie ich später feststellte NICHT aus dem Lenkgetriebe, sondern von der Lenksäule, dessen Kreuzgelenk mit dem Bodenblech der Kabine Kontakt hatte. Also nicht so wild – jedoch nur das Geräusch, nicht der Defekt.

Die Räder hatten sich etwas gedreht aber beim Rückstellen der Lenkung waren die Räder immer noch eingeschlagen! Was für ein Schei… Ein Haufen Kleinwagen hinter mit und ich musste mit dem Iveco 40.10 tatsächlich zurücksetzen! Der dreht sich normaler Weise quasi auf der Stelle [der mit dem 2,8m Radstand], wie eine Sattelzugmaschine. Naja ich habe es dann geschafft, aus der ultra engen Altstadt heraus zu kommen. Letzten Endes hätte es auch keine Alternative gegeben. Ich war das größte denkbare Auto für die Altstadt, da hätte mich niemand herausziehen oder aufladen können!

Ich habe mir dann mal die Misere angeschaut:

Misere No1

Misere No1

Guess What?!: Right- 2 Srews missing

🙁

Mal eben 2 Schrauben M10 „verloren“. Meine Vermutung ist ja eher, dass sie nie drin waren und das Lenkgetriebe nur durch die Manschetten rechts und links gehalten wurde:

Vorderachse Iveco 40.10 4x4

Vorderachse Iveco 40.10 4×4

Tja, wenn eine Restaurierung darin besteht völlig bescheuert roten Chassis Lack überall drauf zu pinseln- auch auf die Gummilager!- dann war der LKW top. So ne olle Schraube kann man mal vergessen (oder zumindest das richtige Drehmoment und damit den Totalverlust), oder auch 2.

Auch cool: 

Lenkung

Lenkung

vs.:

Räder

Räder

Der findige Beobachter wird nun feststellen: Hoppla, das Lenkrad ist um 90 Grad gedreht und die Räder stehen straight? Jepp.

 

Aber man muss das ja auch mal positiv sehen: Ich habe mein französisch in den darauf folgenden 3 Tagen wieder massig in Schwung gebracht. Zum einen, weil 2 Werkstätte absolut nicht hilfreich waren und weil der Iveco Händler aus Montpellier [ich befürchtete zunächst ich müsste den Verteiler Getriebe Deckel tauschen lassen oder zumindest die Gewinde zuschweißen und neu drehen] nur französisch konnte. Erstaunlich eine wirklich große Werkstatt mit 5 Gruben und einem riesigen Gelände und nicht mal der Chef vons Janze kann einen Satz englisch verstehen (geschweige denn sprechen). Scheinen nicht „global vernetzt“ zu sein die Jungs.

Iveco Montpellier

Iveco Montpellier

Das sind die Momente im Leben, wo man [wohlgemerkt klein geschrieben und mit einem „n“] merkt, ob man noch Eier hat! Man bedenke, dass ich die Kiste 3 Wochen zuvor gekauft hatte, ausgebaut, in Teilen repariert (soweit mir was aufgefallen ist), um rund 10.000km nach/durch Afrika zu fahren. Ich hatte ja noch den Magirus zu diesem Zeitpunkt zu Hause. Einen Haufen Steine ausgegeben und dann das! Wenn man das erste mal mit eigenem Fahrzeug nach Afrika fährt und das allein und ohne Team, dann sollte man ein gewisses Vertrauen in sein Fahrzeug haben: ZERSTÖRT! Ich hatte nun diesen Trip (in welcher Form auch immer) seit genau 15 Jahren im Kopf und innerhalb von 5 Wochen von Kauf des Fahrzeugs bis Ausbau und Abfahrt umgesetzt! Jetzt hatte ich die Möglichkeit/das Auto und so musste eine Lösung her!

Aber was nun? Zurückfahren nach Deutschland? Kommt nicht in Frage. Ein potentieller Defekt irgendwo im Nirgendwo in Marokko kommt aber auch nicht in Frage. Selber reparieren war aber aus Ermangelung an Material dafür nicht möglich. Schrauben hätte ich vielleicht noch organisieren können aber die Gewinde im Aluguss waren hin. [Ich hatte später noch Spanngurte im Fahrzeug für den Fall dass…]

Das war nicht so klasse. Wenn man sehr „deutsch“ ist, wie ich, dann ist eine süd- französische Werkstatt schon gewöhnungsbedürftig. Aber mit dem LKW in der Sahara liegen bleiben? Nein mon senieur – das war nicht der Plan! Die Herrschaften bei Iveco haben erstmal die ins Verteiler Getriebe geschnittenen Gewinde, keine Gussets oder so, komplett zerstört und bei dem zweiten war ich dabei und habe zugesehen und wollte gerade total ausrasten- aber da war es schon zu spät.

Was nützt es auch? Ich hätte zum beispiel auf Kölsch beschimpfen können: Bringt nichts. Oder auf englisch: Bringt nichts, hätte er nicht verstanden. Oder auf französisch: Klingt schöner- bringt aber ebenfalls nichts!

Die Jungs haben mir dann was zusammengefummelt, was am nächsten Tag, nach meiner Kontrolle, nicht fest genug war. Der Meister meinte „…ja das hätte so bis Deutschland gehalten.(übersetzt)“. Ich meinte dann aber zu ihm: Nene nix Deutscheland – Marokko! Das muss 10.000km Piste halten! Ich habe ihm dann gezeigt was ich haben will und er hat dann Gewindebuchsen zum Einschneiden besorgt und eingebaut. Das hat dann tatsächlich bis heute gehalten.

Finally alles gut gegangen, das Auto hat gehalten. Ich habe die Sahara „überlebt“ und Marokko und rund 15tkm mit dem Iveco 40.10. Ich habe aber auch gemerkt, dass die Kiste zwar sehr cool ist [Abmessungen, Möglichkeiten Offroad, Footprint vs. Innenraum, Spritverbrauch], ich aber massiv Leistung vermisst habe! Um genau zu sein, Drehmoment.

Deshalb ist er nun auch bei einem neuen Besitzer (Lenkung funktioniert noch ! :-)) und ich bin ins Ami Lager gewechselt. Mir ist das Marketing grundsätzlich bei LKWs völlig Latte, ich bin kein Fanboy-Typ. Ich wollte es ein wenig größer/mehr Leistung/mehr Konfigurationsmöglichkeiten bei Achsübersetzungen/und-Federung. Ergo.

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